Warum wir einen Film über die wahren Helden unserer Zeit machen
von Martin Oetting

Die Erkenntnis, dass eine andere Zukunft nur durch neues Denken entstehen kann, ist banal. Weit weniger banal ist es, derart neue Gedanken ernsthaft in neues Tun münden zu lassen. Wir haben eine derartige Idee gefunden, die seit Jahrzehnten bekannt ist, die uns vermutlich zu einem besseren Leben verhelfen könnte, die aber bislang kaum eine Chance zu haben scheint, in der Gesellschaft anzukommen. Und wir haben entschieden, einen Dokumentarfilm zu machen, für den wir zwei Menschen ein Jahr lang in ihrem Leben begleiten, die dieser Idee in der Politik zum Durchbruch verhelfen wollen: Der Idee, dass das “endlose” Wachstum unseres Bruttoinlandsproduktes nicht mehr weitergehen darf und dass wir ein Umsteuern auf eine andere Wirtschaftslogik brauchen.

Jede Politikerrede, jedes Interview, jede Pressekonferenz zu unserem Wohlstand stellt unser “Wirtschaftswachstum” ins Zentrum. Wir haben uns angewöhnt, davon auszugehen, dass “irgendwie alles in Ordnung” ist, wenn die Kanzlerin mal wieder verkündet,  dass wir 1,6 oder 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum haben werden. Und wenn es über zwei Prozent sind, dann knallen die Sektkorken. Was niemand ernsthaft diskutiert: Was da eigentlich wächst, und wie das gemessen wird.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die Summe des Wertes aller Waren und Dienstleistungen, die in Deutschland pro Jahr produziert wurden. Allein darum geht es. Das BIP will wissen, was wir produzieren und wie viel Geld das wert ist, nichts sonst. Das wird aufsummiert und dann wird nachgesehen, ob es  mehr war als letztes Jahr. Und es muss jedes Jahr mehr werden – das ist dann das Wachstum, von dem wir immer reden.

Jedes Jahr mehr Produkte, jedes Jahr mehr Dienstleistungen. Immer mehr, raus aus den Firmen, den Fabriken, den Instituten, den Geschäften.

Nun kann man sich glänzend vorstellen, dass dieses Maß ein gutes Maß ist, wenn ein Land am Boden liegt, weil es beispielsweise einen desaströsen Krieg hinter sich hat. Nach dem zweiten Weltkrieg war es sicher eine kluge Idee darauf zu schauen, ob wir Jahr für Jahr mehr Autos, Kühlschränke, Wohnhäuser und Friseurdienstleistungen produzieren. Denn das zeigt uns, ob wir unser Land wiederaufbauen und allen Menschen wieder ein funktionierendes und irgendwann auch komfortables Leben ermöglichen.

Stunde der Wirtschaftslobbyisten

Aber irgendwann kippt das in sein Gegenteil. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir mit dem Wachstum aller Produkte und Dienstleistungen, die pro Jahr erzeugt werden, der Gesellschaft keinen Dienst mehr erweisen. Weil alles Verträgliche und Machbare und für uns Gute ausgeschöpft ist. Und weil wir nun anfangen, künstlich weiter Wachstum zu erzeugen, damit es … nun ja, mehr Wachstum gibt. Und dann schlägt die große Stunde der Wirtschaftslobbyisten:

  • “Wir müssen mehr Bereiche des öffentlichen Lebens privatisieren, sonst gibt es kein Wachstum mehr. Der öffentliche Park schafft doch kein Wachstum, lasst uns dort eine Shopping-Mall hinbauen.”
  • “Wir sollten auf diese freien Felder dringend einen neuen regionalen Flughafen bauen, dann können wir mehr Wachstum in die Region bringen.”
  • “Die Autobahnen sollten privatisiert werden. Andernfalls können die Unternehmen unserer Branche nicht weiterwachsen.”

Das BIP-Wachstum fragt nicht, ob es uns gut geht. Es ist ein reiner Materialist. Es will nicht wissen, ob wir genug Zeit mit unseren Familien verbringen. Es interessiert sich kein Stück dafür, ob wir Angehörige gesundpflegen oder mit unseren Kindern spielen. Denn all das ist kein Geld wert. Zumindest nicht auf einem Markt, der mit Geld arbeitet. Vor allen anderen Dingen ist es dem Wachstum schnurzpiepegal, wie es der Natur geht. Die Natur gibt es nicht für diese Art Wachstum – jedenfalls nicht, solange wir sie in Frieden leben lassen. Unser heiliges Wirtschaftswachstum interessiert sich erst dann für die Natur, wenn wir sie zerstören. Bäume zu pflanzen, tut nichts für das BIP-Wachstum. Den Hambacher Forst zu roden und dort Braunkohle abzubauen, lässt beim BIP die Kasse klingeln.

Noch mehr Wachstum?

Sich eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen und mit unseren Kindern zu spielen, ist Gift für das Wachstum. Wenn wir aber unsere Kinder in Einrichtungen bringen und sie dort betreuen lassen, bezahlen wir dafür Geld. Und beim BIP klingelt’s in der Kasse. Außerdem können wir dann selbst mehr arbeiten, also noch mehr Wachstum. Wenn wir mit mehr Autos auf mehr Straßen in mehr Staus stehen, ist das glänzend für das BIP. Die Straßen müssen für teures Geld gebaut werden. Mehr Wachstum. Die Autos müssen gebaut werden. Wachstum, Wachstum. Wir verbrennen im Stau Rohöl und blasen CO2 in die Atmosphäre? Super für das Wirtschaftswachstum. Wenn wir einen Baum pflanzen, fließt kein Geld und das BIP interessiert sich nicht dafür. Wenn wir weniger essen, weniger Auto fahren, mehr mit dem Rad unterwegs sind und häufiger im Park spazieren gehe, sind wir zwar gesünder, aber mit dem Wachstum geht’s bergab.

Dass wir nun aber damit beginnen, uns selbst nicht mehr gut zu tun mit unserem nicht enden wollenden Wirtschaftswachstum, das sehen wir nicht. Denn wir hören ja von der Bundesregierung, dass es das Wachstum gibt und dass das automatisch heißt, dass es uns gut geht. Und die Kommentatoren und die Journalisten und die Wirtschaftseliten schauen sich verdutzt um und fragen: Warum sind die Leute denn verzagt oder politikverdrossen, uns geht es doch gut? Wir haben doch Wirtschaftswachstum! Warum werfen sich die Leute in die Demonstrationen am Hambacher Forst — wir brauchen das doch für die Arbeitsplätze und für das Wachstum? Warum sind denn mehr und mehr Leute ernsthaft besorgt wegen des Klimawandels, das ist doch weit weg, wir brauchen doch jetzt das Wachstum der Autoindustrie?

Vielleicht, weil wir auf bestem Wege sind, uns kaputtzuwachsen?

Katherine Trebeck und Lorenzo Fioramonti sind zwei Menschen, die daraus jeweils ein politisches Projekt gemacht haben. Sie kämpfen in der italienischen Politik und bei der Arbeit an einem internationalen Regierungsbündnis dafür, dass die Politik endlich beginnt, die Obsession mit dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes abzulegen. Und dass sie stattdessen darauf schaut, wie man dafür sorgt, dass es den Menschen und der Natur wirklich besser geht. Dass also die richtigen Dinge wachsen — und nicht immer nur das BIP.

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Dreharbeiten in Costa Rica mit ein paar Freunden und der Protagonistin Katherine Trebeck (zweite von links)

Es ist ein harter, bisweilen aussichtslos scheinender Kampf. Aber wir bleiben dran. Wer die Dreharbeiten und unsere Erlebnisse hinter den Kulissen miterleben will, kann das auf unserem Blog oder auf unserer Facebook-Seite tun (beide auf Englisch).

Wir freuen uns über WegbegleiterInnen.

Film Trailer

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