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RP-Artikel Straßenfest: Raus auf die Straße

Rheinische Post vom 27. August 2018

StraßenfestRaus auf die Straße

Das Nachbarschaftsfest „Wir machen es – auf der Straße“ feierte Premiere. Die Organisatoren wollen wiederkommen.

Von Tino Hermanns

Das war neu. Kinder, die völlig gefahrlos und entspannt auf der Straße spielten. Tatsächlich auf der Straße und nicht auf dem zum Straßenraum gehörenden Bürgersteigen. Das war auf acht Straßen der Großstadt Düsseldorf möglich – wegen des ersten Nachbarschaftsfestes „Wir machen es – auf der Straße“ waren Verkehrswege in Unterbilk, der Altstadt, Pempelfort, Düsseltal, Flingern und Gerresheim komplett verkehrsberuhigt. „Autos dominieren unseren öffentlichen Raum. Früher sind wir zum Spielen auf die Straße geschickt worden und mussten erst wieder zu Hause sein, wenn es anfängt, dunkel zu werden. Das kennt man heute doch gar nicht mehr“, sagte Elita Wiegand. „Der Nachbarschaft einmal die Kommunikation auf autofreien Straßen zu ermöglichen, ist einer der Grundgedanken des Nachbarschaftsfestes.“

Wiegand von den Naturfreunden NRW und die Zukunftsmacher wollten damit auch der immer mehr zunehmenden Anonymität in einer prosperierenden Großstadt entgegenwirken. „Ich denke, Menschen reden zu wenig miteinander. Die Kommunikation in sozialen Medien ist nicht mit einem direkten Gespräch zu vergleichen. In der virtuellen Welt kann man sich leicht hinter Pseudonymen verstecken. In der realen Welt sieht man dem Gesprächspartner in die Augen und kann Zwischentöne lesen“, meint Wiegand.

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Sie hätte sich aber gewünscht, dass an den Nachbarschaftsfestorten mehr miteinander gesprochen worden wäre. Die Resonanz der Nachbarschaft auf das direkte, ungefilterte Gesprächsangebot war ausbaufähig. Das hatte aber nichts mit der Qualität der Diskussionen zu tun. „Ich hatte viele tolle Gespräche. Beispielsweise habe ich mit einer älteren Frau gesprochen, die mir von ihren Erlebnissen in der Friedensbewegung erzählt hat. Sie war extra wegen dieses Themas zu uns gekommen“, sagt Wiegand.

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Die Themenvielfalt spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Festbezeichnungen der Nachbarschaftsfeststraßen wieder. So gab es die Straße der Spiele (Büdingerstraße, Gerresheim), die Straße des Glücks (Bürgerstraße, Unterbilk), die Straße der Demokratie (Grabbeplatz, Altstadt), die Straße der Liebe (Schwerinstraße, Pempelfort) und die Straße der Nachhaltigkeit (Hermannstraße, Flingern). Nirgendwo waren dröhnende Musikanlagen oder kommerzielle Fressbuden aufgebaut. Es ging ja auch um Gespräche, am besten tiefsinnige, und dafür braucht man eben auch Ruhe.

Den Ideen, wie man mit den Nachbarn und allen anderen Menschen, die auf der Straße entlang gingen, ins Gespräch kommen konnte, waren keine Grenzen gesetzt. So hatte sich Constanze Frowein für die Straße des Glücks bei der Bundesbank eine Zehn-Euro-Note in Ein-Cent-Stücke umtauschen lassen und diese auf der Bürgerstraße verteilt. „Früher gab es ja den Glückspfennig. Wenn man einen Pfennig gefunden hat, durfte man sich etwas wünschen. Das darf man auch mit einer Cent-Münze machen“, verrät Frowein. Schade nur, dass sie den Großteil der Münzen wieder hat einsammeln können. „Ja, das habe nicht ich gemacht, sondern ein Junge hat einen Schuh ausgezogen und die Münzen darin gesammelt“, so Frowein. „Ich weiß aber nicht, ob er glücklich ist, wenn er sich ausrechnet, wie viele Süßigkeiten er dafür bekommt.“

Die Texterin und PR-Beraterin konnte aber einige auf farbiger Pappe notierte ganz individuelle Glücksdefinitionen einsammeln. Die Beschreibungen reichten von „Glück ist Ahornsirup zum Frühstück“ über „Glück ist Leichtigkeit“ bis „Glück ist, möglichst friedlich miteinander auszukommen und miteinander zu reden. Kurzum: Zufriedenheit.“ Glück in einer Zweierbeziehung wurde nicht beschrieben. Für Frowein ist es Glück, das Hier und Jetzt zu genießen. Sie genoss die Unterhaltungen jedenfalls. „Ich fand nur schade, dass die direkte Nachbarschaft die Chance, sich besser kennenzulernen, kaum genutzt hat. Vielleicht hätte man das Nachbarschaftsfest etwas früher bekannt machen sollen.“

Auf der Straße der Demokratie wurde die Möglichkeit zu Diskussionen mit Jedermann leider auch direkt parteipolitisch missbraucht. So hatten Jusos einen Stand aufgebaut. „Wir müssen die Menschen erst wieder grundsätzlich für die Demokratie begeistern, bevor sie sich für eine Partei entscheiden“, räumte dann auch Rüdiger Warnecke von den Grünen ein.

So nutzten auch einige andere Organisationen die Betreuung einer Straße des Nachbarschaftsfestes als Chance, sich zu präsentieren. So war „SpendeZeit“ mit Vorstands- und Gründungsmitgliedern auf der „Straße der Liebe“ aktiv. „Der Name passt zu uns. Wir haben ja eine Ehrenamts-Datingbörse“, meint SpendeZeit-Vorstandsmitglied Julia Hofer. Sie vermittelt ehrenamtliche Helfer an gemeinnützige Organisationen. „Leider war die Resonanz auf unser Angebot, zu reden und sich kennenzulernen nicht so üppig. Etwas mehr als 50 Leute waren bei uns“, schätzt Hofer.

Und dennoch haben sie Nächstenliebe erfahren, denn ein Restaurant brachte unaufgefordert etwas zu Essen auf die Straße. „Vielleicht war die Schwerinstraße auch nicht der optimale Ort. Nächstes Wochenende wird hier das Schwerinstraßenfest gefeiert mit allen Anwohner und allen Läden. Da hat man sich wohl gespart, das Nachbarschaftsfest zu begehen,“ so Hofer. Dennoch sieht die SpendeZeit den Tag in Pempelfort nicht als Misserfolg. „Wir konnten uns präsentieren, unser Anliegen vorbringen, und wir haben sogar einen neuen Zeitspender gefunden“, resümiert Vorstandsmitglied Bastian Meyenburg.

Alle fanden die Idee, die Düsseldorfer aufzufordern aus ihrer meist selbst gewählten Abkapselung herauszukommen und dem natürlichen Charakter des Menschen als soziales Wesen wieder mehr Raum zu geben, richtig gut. An der Umsetzung kann noch positiv gearbeitet werden. Das weiß auch Cheforganisatorin Wiegand. „Wir werden das Nachbarschaftsfest auf jeden Fall wiederholen. Jetzt müssen wir aber erst einmal alles sacken lassen. Überdenken und herausfiltern, was gut angekommen ist und was man korrigieren muss. Die Erfahrungen von der Premiere helfen für die Zukunft“, so Wiegand.

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