Schmidts Erbe

ZukunftsMacherin Jeannette Hagen

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Vor gut einem Jahr war ich auf dem Mauerweg wandern. Er zeichnet den Grenzverlauf um Westberlin nach und erinnert an vielen Stellen mit Tafeln nicht nur an die Mauertoten, sondern auch an die Ereignisse vom November 1989. Ich weiß noch gut, wie ich vor einer jener Tafeln stand, auf der Fotos von der Grenzöffnung und den Tagen danach zu sehen waren. Die Menschen strahlten, sie waren glücklich, es lag eine Aufbruchsstimmung über all dem, die mich als Betrachterin förmlich mitriss.

Es liegt eine Schwere über unserem Land

30 Jahre ist das nun her und nicht nur die Tafeln am Mauerweg sind ein bisschen vergilbt. Wenn ich mich umschaue und die Stimmung wahrnehme, dann fällt mir auf, dass eine Schwere über unserem Land liegt, die ich mir nicht erklären kann. Ich will das – auch wenn ich mit dem Beispiel des Mauerfalls eingestiegen bin – nicht an dem Thema Ost-West festketten, sondern grundsätzlich die Frage stellen, wann aus dem Land der Dichter, der Denker, der Visionäre ein Land der Bedenkenträger, der Besorgten, der Verzagten und der notorischen Nein-Sager geworden ist. Das zieht sich durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten. Den Satz: „Ach, da kann man ja eh nichts machen.“, höre ich immer öfter. Meist im Anschluss gleich gefolgt von einem Monolog darüber, warum Verbote oder überhaupt irgendwelche anderen Maßnahmen wahlweise entweder naiv oder Nazimethoden sind.

Gegner meiner Vision

Neulich schrieb mir ein Mann unter einen Facebook-Post ein Zitat von Helmut Schmidt. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Es ist nicht das erste Mal, das man mir dieses Zitat unter die Nase reibt und zwar immer dann, wenn ich mir erlaube, von einer Welt zu träumen, in der die Menschen friedlich miteinander leben, die Folgen des Klimawandels minimiert sind und wir eine neue Form des Miteinanders und auch des Wirtschaftens gefunden haben. Die Worte Schmidts sind übrigens die harmlose Variante der Gegenrede. Linksversiffte Ökotante, Ökodiktatorin, Träumerin, Wattebäuschewerferin, radikale Trulla und andere Bezeichnungen runden das Ganze ab.

Eine gute Zukunft erträumen – geht das überhaupt noch?

Kommt es mir nur so vor oder passiert es immer häufiger, dass jene, die es wagen, eine Zukunft zu erträumen, in der keine Kriege, keine Umweltzerstörung, keine machtbesessene Gier vorherrscht, kein Leistungsdruck, keine Konkurrenz vorkommen, als Idioten diskreditiert werden? Und warum in aller Welt gibt es eine scheinbar unumstößliche Gleichung, die da lautet: Menschlichkeit (wahlweise auch Empathie oder eine vegetarische Lebensweise) = links = naiv = indiskutabel. Weg vom Tisch. Wenden wir uns wieder der Gewinnmaximierung und dem Wachstum zu. Das ist nämlich auch so eine Gleichung, die sich in den Köpfen eingebrannt hat: Ökologische Belange und Wirtschaft – das kann einfach nicht zusammen funktionieren. Weil ja die Wirtschaft und damit verbunden auch die Arbeit, sowieso die Basis von allem sind.

Spätestens in 30 oder 40 Jahren werden die meisten Berufe der Digitalisierung zum Opfer gefallen sein. Ist es da nicht an der Zeit, über etwas Neues nachzudenken? Habe ich bei irgendeiner Partei in den letzten Jahren mal die Worte „Bedingungsloses Grundeinkommen“ gelesen oder gehört? Dieses Thema wird komplett verschleppt. Das ist Prokrastinieren auf höchstem Niveau. Und ist es nicht so, dass wenn wir jetzt die Klimaschutzmaßnahmen nicht radikal vorantreiben, die finanziellen Belastungen das, was wir jetzt investieren müssten, bei weitem übersteigen werden? Irgendwann wird es nicht eine Regierung sein, die Freiheit einschränkt wie damals in der DDR, sondern dann ist es die Natur, die Grenzen zieht. Wie man angesichts dieser Tatsachen einen „Fuck you Greta“ Aufkleber über dem fetten Auspuff  platzieren kann und ernsthaft meint, dass das als Maßnahme reicht, werden wohl nur jene verstehen, die auch meinen, dass es irgendetwas mit Freiheit zu hat, mit 230 km/h über die Autobahn zu brettern oder die billigen Steaks aus der Massentierhaltung auf dem Supergrill schmoren zu lassen. 945 Hühner isst der Deutsche durchschnittlich in seinem Leben. Dazu vier Rinder, vier Schafe, 46 Schweine, 12 Gänse, 37 Enten und 46 Puten. Das würde er nicht tun, müsste er diese Tiere selbst aufziehen, versorgen, schlachten und verarbeiten. Aber weil es so leicht ist, in den Supermarkt zu gehen und das Elend auszublenden, fällt es anders herum schwer, auf diesen Standard zu verzichten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und Tierschützer sind eh linksradikale Weltverbesserungsspinner.

Warum sollte ich mich ändern?

Es ist so einfach, das eigene Fehlverhalten zu ignorieren, wenn man mit dem Finger auf andere zeigen kann. „Und warum sollte man sich auch ändern? Die anderen ändern sich ja auch nicht. Und „die da oben“ schon gar nicht.“, höre ich sie tönen, während sie ihr Steak wenden.

Konformismus heißt die Devise

Roger Willemsen hat, nachdem er ein Jahr lang die Debatten im Hohen Haus verfolgt hat, den Satz gesagt: „Die Kanzlerin chloroformiert das Land.“ Und an andere Stelle: „In diesem Parlament betrachten alle das Wachstum als Allheilmittel gegen jede Form der Krise.“ Das trifft es auf den Punkt und trotzdem ist nicht nur die Tatsache, dass man von höchster Stelle kaum noch Visionäres zu erwarten hat, die einzige Ursache. Es setzt sich auch im Kleinen fort. Das zeigt sich zum Beispiel am Rückgang der Gründungen in Deutschland. Immer weniger Menschen haben den Mut, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Auch hier sind die Gründe sehr vielfältig. Einer ist auf jeden Fall, dass die Angst, Fehler zu machen und zu scheitern, immer mächtiger wird. Bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Bloß nicht der bunte Hund sein, der aneckt. Konformismus heißt bei vielen die Devise und das nicht zuletzt, weil jene, die gegen alles Neue und Fremdartige wettern, momentan lauter sind und die mutigen Ausbrecher einschüchtern.

Visionen brauchen Mut

Visionen können unbequem sein. Auf jeden Fall sind sie fremd, haben vielleicht mit unserem Alltag momentan wenig zu tun. Und eins sind sie auf jeden Fall: Sie sind in die Zukunft gerichtet. Lassen die Vergangenheit hinter sich, bauen sie in Bruchstücken vielleicht mit ein – je nachdem wie sinnvoll etwas ist. Was sie jedoch auf keinen Fall sind: narkotisierende Programme, die sich zum Beispiel „Klimapaket“ nennen. Oder kosmetische Maßnahmen, die Probleme übertünchen. Wir werden angesichts der Veränderungen, denen wir uns stellen müssen, nicht drum herum kommen visionär zu denken und auch jene Ideen einzubeziehen, die uns bisher als Spinnerei verkauft wurden. Und an all jene, die die 50 schon überschritten haben: Die Welt wird sich sowieso drastisch verändern. Nicht nur, weil die Meeresspiegel steigen. Nach uns kommt eine Generation, die ganz andere Pläne hat. Denen ist Besitz nicht mehr so wichtig. Denen ist eher daran gelegen, einen Sinn im eigenen Tun zu sehen. Dafür braucht es aber eine intakte Welt. Sie als Spinner, Schulschwänzer oder im Fall von Extinction Rebellion als Demokratiefeinde zu diffamieren und sie auszubremsen, verzögert die Entwicklung vielleicht ein bisschen, wird sie aber niemals aufhalten. Und vielleicht sind die, die Ihr da gerade beschimpft und diskreditiert, genau jene, die diese Welt für Eure Enkelkinder zu einem besseren Ort machen und mit diesem Gedanken werfe ich mal die Frage in die Runde:

Was um alles in der Welt ist denn so verkehrt daran, von einer besseren, einer gerechteren Welt zu träumen?

Warum soll ich zum Arzt gehen, wenn doch eigentlich die, die unsere Ökosysteme zerstören, Ressourcen verschwenden, Tiere unter qualvollen Bedingungen halten, Macht und Gier als einzigen Motor haben, jene sind, die eine Behandlung brauchen? Vielleicht kann mir das mal jemand erklären. Und hört doch endlich auf, darüber zu jammern, dass der einzelne sowieso nichts tun kann. Das ist eine Lüge. Es fängt bei Dir an. Jeden Tag. Du entscheidest. Du gibst Deine Stimme. Du hast die Wahl.

Projekte

  • Mitglied der Initiative „Autoren helfen“, von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die ihre kreativen Kräfte bündeln und sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzen wollen
  • Flüchtlingshelferin auf Lesbos und in Idomeni
  • Impulsgeberin, Vorträge, Gesprächskreise, Lesungen

Kontakt

Jeannette Hagen

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