Identität und Gewalt – Amartya Sen

von ZukunftsMacher Helmut Scheel

Eigentlich wollte ich mir ein anderes Buch von Amartya Sen kaufen. Ich wurde durch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auf diesen Autor aufmerksam. Ich kannte ihn zuvor nicht. Ich wusste nicht, dass er den Nobelpreis für Ökonomie schon vor längerer Zeit erhalten hatte. Aber das gewünschte Buch war nicht vorrätig in der Buchhandlung und ich bin, was Bücher betrifft, ziemlich “Old School”. Die Verkäuferin kannte den Autor und sagte mir, dass sie gerade eine Lieferung mit anderen Büchern von Amartya Sen erhalten hatte und zeigte mir diese, darunter das Buch „Identität und Gewalt“. Sofort schoss mir durch den Kopf: „Das muss ein ganz neuer Titel sein. Das Thema ist ja an Aktualität nicht zu überbieten, außer Corona.“ Ich nahm es mit und las vier Tage – rund 200 Seiten. Es sind 200 Seiten mit viel Sprengstoff, wenn man sie ernst nimmt.

Amartya-Sen-Friedenspreis Identität und Gewalt

Mir sind die Informationen über Erscheinen und den Autor wichtig. Das Buch erschien bereits 2006 auf Englisch und 2007 auf Deutsch. Ich dachte zuerst: Kalter Kaffee! Doch es ist aktuell und die Beispiele, die der Autor heranzieht und die damals aktuell waren, können durch aktuelle Ereignisse ergänzt werden, was zugleich bedeutet, dass Amartya Sen in seinen Ausführungen bestätigt wird.

Bandbreite des Seins 

Der neue Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stellt die Gewalt von Menschen in eine enge Beziehung zu der Reduzierung eines Menschen auf nur eine oder einige wenige Identitäten. Er arbeitet deutlich heraus, dass ein Mensch nicht nur Moslem oder Christ ist, sondern auch Mann oder Frau oder Deutscher oder Sudanese. Er ist auch nicht nur Richter oder Bäcker, sondern kann Fussball- oder Cricketfan sein. Außerdem kann er Familienvater oder Witwer sein, jung oder alt und so weiter und so weiter. Je mehr wir Menschen aber auf eine dieser Identitäten fixieren, desto mehr wird diese eine Identität zu einem Gefängnis, aus welcher der Mensch ausbrechen möchte. Jeder Mensch will eben nicht nur als Muslim oder Bayern-Fan gesehen werden, sondern in seiner ganzen Bandbreite des Seins. Je mehr wir aber einen Menschen reduzieren, damit sie in eine von unseren Schubladen passen, je mehr Mauern errichten wir zwischen Menschen, Völker und Nationen. Nach 9/11 wurde bewusst eine Mauer zwischen der westlicher Welt und den anderen aufgebaut. Die Westliche sah und sieht sich als die einzig richtige Weltanschauung an und wird daher von allen anderen bekämpft, welche eine eigene Identität als Volk oder Kultur haben. Der Westen versucht mit Gewalt sein System auszudehnen und wen wundert es, dass die anderen sich das nicht so einfach gefallen lassen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken führt zu Kriegen. Wer meint, DIE RICHTIGE LEBENSFORM zu haben irrt schon mit dem Absolutheitsanspruch und der Absolutheitsanspruch ist auch die Ursache der religiös initiierten Kriege. Denn daraus folgert eine Überlegenheitsgefühl und die Unterdrückung der „Anderen“. Die Folge daraus ist: Wer absolutistisch denkt, kann nie wirklich Frieden wollen.

Friedliche Welt 

Wir müssen die Singularität überwinden und die Vielfalt sehen. Wir können eine friedliche Welt nur in einer pluralistischen Weltgesellschaft erreichen. Und Vielfalt ist Gewinn. Überall wo unterschiedliche Menschen zusammen kommen, entsteht Neues, weil das eingeschränkte Denken überwunden werden kann. Ein Wort liefert ein Neues, eine Idee mündet in einer neuen. Jede Entdeckung oder Erfindung beruht auf vorhergehenden. Unser Zahlensystem hat seine Wurzeln im arabischen Raum, diese haben es aber aus dem heutigen Indien übernommen. Die griechischen Philosophen wurden uns über den Umweg der arabischen Sprache erhalten und im Mittelalter wieder zugänglich gemacht. Der Buchdruck wurde in China erfunden, genauso wie das Schießpulver. Es gibt einfach nicht die eine tolle und alles in sich bergende Kultur.

„Multikulturalismus und Freiheit“, so der Titel des 8. Kapitels, hängen zusammen. Allerdings sind viele Menschen nicht bereit dies zu akzeptieren. Sie haben nicht diese „Freiheit zu denken“ wie Amartya Sen im 9. Kapitel fortfährt. Wir reduzieren Menschen, damit wir sie einordnen können. Wir reduzieren Politiker auf ihr Politiker sein. Wir, und da schließe ich mich ausdrücklich ein, reden von Politikern und stülpen diesen Begriff über den ganzen Menschen. Wir bilden ein Konzentrat aus diesem Menschen um ihn bejubeln oder kritisieren zu können. Der Mensch hinter DEM Politiker wird vergessen. So machen wir es auch mit der Religion. Wir reduzieren und dicken ein. Und wer schon mal ein Konzentrat pur getrunken oder gegessen hat, weiß, es ist ungenießbar und spiegelt nicht den richtigen Geschmack wieder.

Fazit

Für mich war und ist es ein sehr wertvolles Buch, da es mich persönlich kritisiert in manchen Bereichen, aber auch einen Weg aufzeigt, wie ich aus dieser Isolierungsfalle herauskommen kann, nämlich dadurch, dass ich niemanden mehr auf eine Sache oder einen Aspekt reduziere. Es wird ein mühsamer Weg, aber ein lohnender, da ich die Richtung schon kannte. Dieses Buch ist ein für mich rückwirkend bestätigender Wanderführer und gleichzeitig einer, der mir noch mehr neue Perspektiven auf der Wanderung durch das Leben eröffnet.

Foto: Amazon 

Buchtipp

Identität und Gewalt
von Sen, Amartya

Amartya-Sen-1 Identität und Gewalt

Amartya Kumar Sen

Amartya Kumar Sen ist ein indischer Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Problematik der Armut und die Wohlfahrtsökonomie. Er ist Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts).

1998 erhielt Sen den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard.

Bahnbrechend waren außerdem seine Beiträge zur Interdependenz von ökonomischer Freiheit, sozialer Chancen und Sicherheit und politischer Freiheit (Demokratie), dem Zusammenhang zur Armutsbekämpfung und zur Theorie der kollektiven Entscheidungen. Dabei sah er früh die Bedeutung der Genderfrage und der feministischen Ökonomie. Er gilt als einer der prominentesten Kritiker der Theorie der rationalen Entscheidung.

Auf Sens Vorschläge geht die Einrichtung des Index der menschlichen Entwicklung zurück, den das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen seit 1990 regelmäßig aktualisiert herausgibt. Auch der Sen-Index ist nach ihm benannt. 2020 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt.

Quelle: Wikipedia