Buchtipp 

Spätmoderne in der Krise: Was leistet die Gesellschaftstheorie?

von ZukunftsMacher Helmut Scheel

Spaetmoderne-in-der-Krise-Buch-Kopie Brisante Fragen der Gegenwart: Spätmoderne in der Krise

Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa gehören zu den bekanntesten Sozialwissenschaftlern Deutschlands. Nun haben die beiden ein Buch veröffentlicht und beschäftigen sich darin mit den brisanten Fragen der Gegenwart. „Spätmoderne in der Krise“, heißt der Band. Beide Autoren legen in einem Beitrag ihre je eigene Gesellschaftstheorie dar.

Denken ohne Geländer

Andreas Reckwitz leitet den ersten Teil des Buches mit einer Beschreibung der Gesellschaftstheorie ein. Für ihn sind die unterschiedlichen Theorien Werkzeuge, um die Gesellschaft besser zu verstehen und zu beschreiben. Er analysiert die Entwicklung von einer bürgerlichen Moderne ab der Mitte des 18. Jahrhunderts über die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich entwickelnde industrielle Moderne bis heute, die er „behelfsweise als Spätmoderne“ etikettiert. Diese beschreibt Reckwitz wie folgt: „Vor dem Hintergrund einer neuen globalen Arbeitsteilung und forcierter Automatisierung verliert in den bisherigen Industriegesellschaften die Industrieökonomie ihre Vorherrschaft an den tertiären Sektor.“ Der postindustrielle Kapitalismus Europas und Nordamerikas ist im Kern ein kognitiver und kultureller Kapitalismus (im Hintergrund auch ein Finanzkapitalismus), in dessen Zentrum sich die immaterielle Wissensarbeit sowie die hochkompetitiven Märkte für kognitiv-kulturelle Güter befinden. Zugleich kristallisiert sich eine polarisierte Wirtschafts- und Erwerbsstruktur heraus, in der die Wissensarbeit der Hochqualifizierten, den neuen „Professional Class“ den einfachen Dienstleistungen einer neuen „Service Class gegenüberstehen.“ Dadurch, dass noch nicht einmal Definitionen für unsere „Moderne“ existieren bzw. festgelegt sind, befindet sich noch alles in einem theoretischen Raum. Die unterschiedlichen Theorien gelten als Hilfsmittel für das Weiterdenken und er fordert den Leser auf, diese im Sinne Hannah Arendts als „Denken ohne Geländer“ zu verwenden.

Gesellschaften formatieren 

Den zweiten Teil des Buches übernimmt Hartmut Rosa und nennt ihn „Best Account – Skizze einer systematischen Theorie der modernen Gesellschaft“. Rosa beginnt mit seiner Beschreibung von unterschiedlichen Gesellschaften, die gleichzeitig auf diesem Planeten existieren. Es gibt zur gleichen Zeit noch  Steinzeitkulturen und moderne Kulturen. Für ihn ist es daher wichtig, Gesellschaften erst einmal zu „formatieren“ und daraus einen Best Account zu entwickeln. Für den Autor bedeutet dies auf Basis von „statistischen Daten, Interviews, Zeitungsberichte, Schulbücher, Erzählungen sozialer Bewegungen, Literatur, Kunst oder Kino den bestmöglichen „Selbst-Deutungsvorschlag“ zu entwickeln.

Der dritte Teil „Desynchronisation und Entfremdung: Diagnose und Kritik der Moderne“: Darin beschreibt er vier Bereiche, die heute zu Problemen führen. Überall ist es die Geschwindigkeit der Entwicklung, die zu schnell verläuft: „Zu schnell für die Wirtschaft: Finanzkrise.

  • Zu schnell für die Politik: Demokratiekrise
  • Zu schnell für die Natur: Die ökologische Krise
  • Zu schnell für die Seele: Die Psychokrise

Insgesamt ist es für Rosa die ständige Beschleunigung der Lebensbereiche, die unser System scheinbar stabilisiert. Doch der fehlende Bezug der Menschen zu der Umwelt und Natur verursacht Krisen. Der Autor sieht einen Lösungsansatz darin, dass die Menschen wieder in eine bewusste Resonanzbeziehung zur Umwelt aufbauen. 

Im dritten Teil des Buches folgt ein Interview von Martin Bauer. Darin arbeitet er die verbindenden und trennenden Elemente der beiden Autoren heraus. 

Fazit

Bei der Lektüre des Buches erhält der Leser einen Zugang zu unterschiedlichen Ansätzen in der Soziologie. Es kann ein Einstieg sein, sich intensiver mit den Thesen der beiden Soziologen auseinander zu setzen, um damit selbst ein besseres Verständnis für die derzeitige gesellschaftliche Situation zu erhalten. Da der Schreibstil der Beiden ebenfalls unterschiedlich ist, wird man vielleicht mehr den einen oder anderen Autor favorisieren. 

Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um einen spannenden Ansatz mehr Leben in die Soziologie und Gesellschaftsforschung zu bringen. Wer also Ansätze für ein besseres Verständnis unserer Zeit sucht, dem sei dieses Buch empfohlen.

Buchtipp

Spätmoderne in der Krise
Was leistet die Gesellschaftstheorie?
Suhrkamp Verlag 

spaetmoderne-in-der-krise-325181803 Brisante Fragen der Gegenwart: Spätmoderne in der Krise

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