Banker oder Bankster? Nach der Finanzkrise – der Aufbruch!

Dirk Kannacher ist zuständig für das  Basisgeschäft Privat- und Geschäftskunden.  Seit 2017 ist Dirk Kannacher Mitglied des GLS Vorstands. Damals kam er von einer konventionellen Großbank. Er beschäftigt sich über sein Vorstands-Ressort hinaus mit großen gesellschaftlichen Themen, bei denen er etwas bewegen möchte. Dazu gehören die (E)-Mobilität und ein besonderes Engagement in Afrika.

Ein Interview von Elita Wiegand.

Dirk-_Kannacher Banker oder Bankster? Nach der Finanzkrise - der Aufbruch!

Dirk Kannacher, Vorstand der GLS Bank

Sie waren lange erfolgreich bei der Commerzbank beschäftigt und sind die Karriereleiter emporgestiegen. Durch die Finanzkrise aber haben Sie das System in Frage gestellt. Was genau ist passiert?

Dirk Kannacher: Für mich begann eine Phase der Veränderung zwischen den Jahren 2000 bis zur Finanzkrise 2008. Damals wurde mein erster Sohn geboren und mit der Geburt eines Kindes ändert sich plötzlich vieles. Mich beschäftigte die Frage, ob Geld und Erfolg als Antrieb genügen. Ein weiterer Anstoß war das Buch von Hape Kerkeling: „Ich bin dann mal weg“. Darin beschreibt Kerkeling, wie man in dem System und letztlich auch im eigenen Leben gefangen ist. Um über diese Fragen zu reflektieren und mit mir selbst in einen Dialog zu treten, bin ich am Rothaarsteig 150 Kilometer allein gewandert.

Was haben Sie auf der Wanderung reflektiert?

Dirk Kannacher: Ich habe mich gefragt, was ich im Leben eigentlich will. In meinem beruflichen Umfeld habe ich erlebt, dass es immer um „mehr“ geht: mehr Umsatz, mehr Rendite. Solange das Miteinander funktionierte und es dem Kunden und der Bank gut ging, erschien mir das ein vernünftiges Verhältnis. Doch im Rahmen der Finanzmarktkrise ist vielen Kunden ein großer Schaden entstanden. Trotzdem haben die Banken an ihrem Verhalten und ihrem Bestreben nach Gewinnmaximierung nichts geändert.

Wie haben Sie die Finanzmarktkrise in der Bank, in Ihrem persönlichen Umfeld als Abteilungsleiter erlebt?

Dirk Kannacher: Es sind viele Kunden zu mir gekommen, weil für sie Lebensträume geplatzt sind. Da saßen Kunden vor mir, die etwa 40.000 Euro für die Ausbildung ihrer Kinder angelegt hatten – das Geld war weg! Viele haben es einfach nicht verstanden, weil sie bis dahin letztendlich immer gute Erfolge erzielten, auch, wenn sie zwischendurch mal ein paar Euro verloren. In der Finanzkrise aber waren es Größenordnungen, die man mit den Kosten für einen großen Mittelklassewagen vergleichen kann. Es waren Verluste von 20, 30, 40 Prozent, die manche Kunden in ihren Depots erleben mussten. Manche wurden sehr laut und haben geschimpft, andere haben geweint. Ich war damals Abteilungsleiter, sah mich in der Vorbildfunktion und habe in den schwierigen Gesprächen versucht, den Menschen zu erklären, was da passiert ist. Das Thema hat mich emotional belastet. Natürlich habe ich mir auch die Frage gestellt, welchen Teil der Verantwortung ich übernehme und was ich dazu beigetragen habe, dass die Menschen jetzt in diese Situation gekommen sind. Doch letztlich haben die Kunden selbst entschieden, in welche Anlagen sie investieren. Von daher habe ich mir keine Vorwürfe gemacht. Doch ich hatte erwartet, dass die Bank einen Plan B verfolgt, in eine nächste Bewusstseinsstufe tritt und neu entscheidet. Doch ich wurde enttäuscht, ich konnte keine Veränderung spüren. Meine Hoffnung blieb unerfüllt, weil das Ziel vieler Banken Gewinn blieb. Meine Erkenntnis: Man kann das System nur langsam verändern. Wenn ich aber andere Werte in mir trage, muss ich mich verändern. Das war der Auslöser für meinen persönlichen Wandel.

Doch der Auslöser allein reicht nicht. Sie haben dann 2009 Ihren Urlaub auf einem Bio-Bauernhof verbracht. Was hat dieses Erlebnis bewirkt? 

Dirk Kannacher: Ich erinnere mich noch sehr gut daran: Unser Auto war voll bepackt mit Koffern voller Kleidung und Spielzeug für unsere beiden Söhne. Als wir ankamen, war niemand zu sehen und ich stieg – ich muss heute noch schmunzeln – in meinen Lackschuhen aus dem Auto aus und suchte einen Ansprechpartner. Im Auto überlegte ich schon, wie ich mich dem Landwirt vorstellen würde und ich entschied mich für: „Ich bin Bankster!“ So lautete die Headline eines Spiegel-Artikels, nämlich: „Bist Du Banker oder Bankster?“ Während unseres Urlaubes kamen wir ins Gespräch und sprachen auch über das Thema Banken und der Landwirt erzählte mir, dass es seinen Bio-Hof nur deshalb gibt, weil es die GLS Bank gibt. Das war kein Zufall.

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Dirk Kannacher: “Die sozial-ökologische Rendite viel wichtiger ist, als der ökonomische Gewinn!”

Nun sind Sie seit fast zehn Jahren bei der GLS Bank beschäftigt und seit zwei Jahren Mitglied des Vorstands. Was hat sich für Sie seitdem geändert?

Dirk Kannacher: Ich bin der gleiche Mensch, der ich auch vorher war. Ich habe schon immer für Werte gestanden, bekomme heute aber dafür viel mehr Aufmerksamkeit und positive Rückmeldungen. Bei der GLS Bank darf ich diese Werte leben. Es ist ein schönes Gefühl, dass man der Mensch sein darf, der man ist und dass man dafür wertgeschätzt wird.

Warum sind Ihnen Werte besonders wichtig?

Dirk Kannacher: Es liegt daran, dass meine Eltern mir immer Werte vorgelebt haben, Vorbild waren und ich mich an den Werten meiner Eltern orientieren konnte. Mein besonderer Wert ist die Freiheit, frei zu sein in meinen Entscheidungen und auch frei zu sein in der Bestimmung dessen, was ich erreichen will. Wenn Menschen wissen, was sie zufrieden und glücklich macht, werden sie ihr Leben danach gestalten. Ich glaube, dass es allen Menschen mit dieser Einstellung besser ginge. Und der Wert Haltung ist wichtig. Haltung bestimmt die Handlung, bestimmt das, was man tut. Ich meine, dass jeder seine Haltung überprüfen und hinterfragen muss. Das habe ich auch getan, denn ich könnte nicht Vorstand der GLS Bank sein, wenn ich mich diesen Fragen nicht stellte. 

Was macht für Sie den besonderen Reiz aus, Vorstand der GLS Bank zu sein?

Dirk Kannacher: Das Leben besteht aus Bildern. Ich habe auch ein Bild entwickelt, das etwas mit dem Lied „Haus am See“ von Peter Fox zu tun hat. Er besingt in diesem Lied, dass er in seinem Schaukelstuhl sitzt und seine Enkelkinder im Garten Cricket spielen. Damals habe ich mir die Frage gestellt, was ich eigentlich mal meinen Enkelkindern erzählen werde. Was habe ich dazu beigetragen, dass sie diese Rahmenbedingungen vorfinden? Was mich in meiner Funktion bei der GLS Bank antreibt, ist, dass ich genau daran arbeiten kann. Ich kann mit dafür sorgen, dass die Bedingungen zwischen den Menschen, also die Beziehungen im sozialen Bereich und auch die ökologischen Bedingungen in der Zukunft besser werden. Und ich weiß, dass die sozial-ökologische Rendite viel wichtiger ist, als der ökonomische Gewinn.

Und was tragen Sie außerdem dazu bei, dass die Welt ein bisschen besser wird?

Dirk Kannacher: Ich habe vor einigen Jahren eine wichtige Entscheidung getroffen: Immer, wenn es mir gut geht, möchte ich, dass es anderen besser geht. Bei jeder Gehaltserhöhung habe ich ein Patenkind dazu genommen. Ein Patenkind ist ein Junge, der in Nairobi lebt und dort zur Schule geht. Er hat mir geschrieben und mich nach Kenia eingeladen. Und wie ich von meinen Eltern gelernt habe, nimmt man Einladungen an und so bin ich im Oktober 2016 erstmals nach Kenia gereist. Ich habe mir in Kenia angeschaut, wie die Kinder dort leben, welche Rahmenbedingungen es gibt und wie wichtig Bildung ist. Mir wurde klar, dass es so, wie ich, wie wir in Deutschland, in Europa leben, nicht weitergehen kann. Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie die Rosen, der Tee oder der Kaffee, den wir trinken, hergestellt werden. Für unseren Genuss, Konsum und Wohlstand werden in Kenia die besten und reichsten Flächen des Landes dazu genutzt, Kaffee, Tee oder Rosen anzubauen und 250 Kilometer entfernt, verhungern Menschen, obwohl dieses Land genügend Ressourcen zur Versorgung hätte. Auch wenn ich daran nicht unmittelbar etwas ändern kann, so sehe ich es als meine Verantwortung, mit Menschen darüber zu sprechen. Deshalb habe ich nach meiner ersten Reise zu einem gemeinsamen Kenia-Abend eingeladen, bei dem ich über mein Erlebtes berichtete. Daraus hat sich eine Gruppe von Freunden und Bekannten entwickelt, die unter der Überschrift „Gemeinsam initiativ werden“ bspw. Bilder-Auktionen, Benefizkonzerte oder auch eine gemeinsame Spendenwanderung organisiert und veranstaltet. Alle Erlöse fließen direkt in das Projekt „Schulaufbau in Selenkay“ bei der GLS Treuhand Zukunftsstiftung Entwicklung. Anfang Juli brechen wir wieder zur 12 Stunden Wanderung in Winterberg auf. Meine Vision: Wir wollen mit jeder Wanderung so viel Geld zusammenbekommen, dass wir ein Schulgebäude pro Jahr bauen können.