• Selbstfahrend Autonome Fahrzeuge: Büro, Bar und Bett im Auto

Autonome Fahrzeuge: Büro, Bar und Bett im Auto

Von Elita Wiegand

Während wir immer noch um saubere Luft in den Städten ringen und uns in Endlosschleifen mit dem Abgasskandal beschäftigen, fährt man anderorts auf die Zukunft ab. In Las Vegas sind seit Mai rund 30 selbstfahrende Autos des amerikanischen Zulieferers Aptiv unterwegs, die man über die App des Mobilitätsdienstes Lyft ordern kann. Space on Wheels stellt autonome Fahrzeuge vor, die als Mini-Hotel, Büro oder Gaming-Wohnzimmer ebenfalls per App angefordert werden können. Waymo wird ihre Flotte selbstfahrender Autos mit bis zu 62.000 weiteren Minivans von Chrysler ausbauen.

Doch was bedeutet die fahrerlose Zukunft für uns? Kommunikativ sitzen wir nicht mehr am Steuer, treten auch nicht mehr auf das Gaspedal oder überholen andere.

Die Veränderungen sind tiefgreifend und beeinflussen viele Bereiche unseres Lebens. Der Tag, an dem autonome Fahrzeuge unterwegs sind, ist der Tag, an dem Autos keine Autos mehr sind.

50 Szenarien

1. Wir besitzen kein eigenes Auto. Der Transport ist eine Dienstleistung, der von Unternehmen geliefert wird, die Flotten von selbstfahrenden Fahrzeugen besitzen. Die technischen, wirtschaftlichen und sicherheitsrelevanten Vorteile überwiegen – die Technologie wird sich vermutlich schneller durchsetzen, als wir erwarten.

2. Vermutlich werden Technologieunternehmen mehr Umsatz erzielen, weil Uber, Google und Amazon den Transport zu einem „Pay-as-you-go-Service“ anbieten. Sie sammeln Daten von Menschen, Fahrmuster, Routen und Hindernissen und haben damit einen enormen Vorsprung. Für neue Unternehmen wird der Eintritt auf dem Markt schwierig.

3. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Technologiegiganten den Markt beherrschen. Ihr Profit: Die Software, Infrastruktur von Batterien, der Fahrzeugservice, die Lade- und Stromerzeugung, sowie die Wartung. Es wird eine massive Konsolidierung von Unternehmen geben, die diese Märkte bedienen, da Umfang und Effizienz noch wertvoller werden. Die meisten Verbraucher werden nicht wissen oder sich nicht darum kümmern, wer die Autos produziert hat und wem sie gehören.

4. Das Fahrzeugdesign ändert sich, weil die Materialen zum Beispiel für Reifen und Bremsen optimiert werden. Die Fahrkörper werden aus Verbundwerkstoffen und 3D gedruckt werden. Elektrofahrzeuge ohne Fahrer benötigen ein Zehntel weniger Teile und sind schneller zu produzieren.

5. Die Batterien werden in verteilten und hochoptimierten Zentren aufgeladen, die den Unternehmen gehören, die die selbstfahrenden Fahrzeuge anbieten.

6. Elektroautos sind auch künftige Energieträger. Stellen Sie sich ein dezentrales Stromerzeugungsnetz mit autonomen Fahrzeugen vor, die an Standorten ihre Dienste bereitstellen.

7. Wer braucht noch einen Führerschein? Die werden genauso verschwinden, wie Fahrschulen, Straßenverkehrsämter oder KFZ-Zulassungsstellen.

8. Vorbei! Parkplätze, Garagen oder Parkhäuser sind Relikte aus der Vergangenheit. Dadurch wird sich auch die Architektur von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden oder Firmensitzen ändern .

9. Die Verkehrspolizei und Polizeiautos sind in Zukunft überflüssig. Dadurch wird sich auch die Arbeit der Polizei positiv verändern und Ressourcen freisetzen, weil die Verkehrsüberwachung wegfällt.

10. Autohäuser, Waschanlagen für Autos oder Tankstellen sind überflüssig.

11. Von der Transformation ist auch die Autoversicherungsbranche betroffen, braucht keiner mehr. Für Autohersteller und die Zulieferer brechen harte Zeiten an, auch sie gehören zu den Verlierern. Ampeln und Verkehrsschilder sind veraltet. Selbstfahrende Fahrzeuge dürfen nicht einmal Scheinwerfer haben, da Infrarot und Radar den Platz des menschlichen Lichtspektrums einnehmen. Gruppen werden regelmäßiger reisen, wandern oder Radfahren und sich Orte aussuchen, die bisher schwieriger zu erreichen waren.

12. Die Fahrzeugtypen werden wir oft wechseln, besonders wenn wir längere Strecken zurücklegen. Mit der Koordinierung und Integration, der Abschaffung von Parkplätzen und deterministischen Mustern wird es immer effizienter werden, die Mobilität zu kombinieren.

13. Die Energieversorgung der Zukunft ist dezentral und zu 100 Prozent erneuerbar. So kann der Strom an die Firmen verkauft werden, die die selbstfahrenden Fahrzeuge besitzen. Damit erreichen wir einen Innovationsschub bei der Stromerzeugung.

14. Vorbei mit den fossilen Brennstoffen. Elektroautos werden die kraftstoffbetriebenen Fahrzeuge ersetzen. Durch den Klimawandel werden sich die Trends beschleunigen. Viele Unternehmen und Investoren haben bereits damit begonnen, sich den Veränderungen anzupassen.

15. Die Werbeausgaben der Autoindustrie werden gestrichen. Denken Sie mal darüber nach, wie viele Anzeigen Sie über Autos, Autofinanzierungen, Autoversicherungen, Autozubehör und Autohändler sehen oder hören. Auch unsere Sprache ändert sich, weil die nächste Generation nicht mehr verstehen wird, warum wir davon sprechen „Gas zu geben“ „uns an das Steuer zu setzen“ oder „auf die Bremse zu treten“.

16. Jobs gehen verloren und es fallen viele Arbeitsplätze weg, die im Zusammenhang mit Transport und der gesamten Lieferkette des bestehenden Transportsystems stehen.

17. Selbst unser Gepäck ist von dem Wandel betroffen: Wir verzichten auf Koffer, Taschen oder Kisten im Kofferraum. Deshalb wird sich bei selbstfahrenden Fahrzeugen auch die traditionelle Kofferraumgröße und die Form ändern. Viele zusätzliche On-Demand-Dienste werden verfügbar werden, da der Transport von Waren und Dienstleistungen allgegenwärtig und preiswerter wird. Stellen Sie sich vor, Sie könnten im autonomen Fahrzeug ein Kleid entwerfen, drucken und für die Party anziehen, zu der Sie gerade fahren.

18. Ausgaben für Leasingverträge, Versicherung oder Garagen fallen weg. Insgesamt wird die Mobilität preiswerter werden. Doch die Technologien ändern sich schneller, als sich die Menschen anpassen. Somit werden wir den Verlust der Arbeitsplätze in der Übergangsphase nicht ausgleichen.

19. Taxis sind out und LKW-Fahrer werden nicht mehr gebraucht. Jemand, der heute geboren wird, versteht vielleicht nicht, warum ein LKW-Fahrer die anstrengende Arbeit hinter dem Steuer überhaupt ausgeübt hat.

20. Die Politik steht im Fadenkreuz, da die Lobbyisten der Auto- und Ölindustrie erfolglos versuchen, das fahrerlose Auto aufzuhalten. Das Problem verschärft sich durch Altlasten, die die Autoindustrie verursacht hat, beispielsweise durch Umweltverschmutzungen in der Umgebung der Fabriken und Chemieanlagen, die einst Hauptbestandteile der Lieferkette waren.

21. Die Akteure im Bereich Herstellung von autonom fahrenden Autos und LKWs kommen aus Unternehmen wie Uber, Google und Amazon und vielleicht erweitert sich das Portfolio mit Technologiefirmen, die wir noch nicht kennen. Es wird wahrscheinlich zwei oder drei Hauptakteure geben, die 80 Prozent des kundenorientierten Transports bestimmen. Für kleinere Player könnte ein API-ähnlicher Zugang zu diesen Netzwerken entstehen, ähnlich wie App-Marktplätze für das iPhone und Android. Der Großteil des Umsatzes wird jedoch an einige große Player fließen.

22. Lieferketten werden unterbrochen, wenn sich der Versand ändert. Algorithmen ermöglichen es, dass LKWs voller beladen werden. Der Versand wird schneller und in der Regel einfacher. Überschüssige Kapazität wird dadurch günstiger. So werden neue Zwischenhändler und Warehousing-Modelle entstehen.

23. Die Rolle von Einkaufszentren und anderen Einkaufsbereichen wird sich weiter verschieben. Stattdessen werden Orte entstehen, an denen Menschen Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Es wird kaum physische Käufe von physischen Gütern geben.

24. Amazon und einige andere Anbieter werden UPS, Hermes oder DHL langfristig aus dem Geschäft verdrängen, weile viele bei dem Tempo des Technologiewandels nicht Schritt halten können. Das Transportnetz der Internetgiganten hingegen ist kosteneffizienter. Und: Dieselben Fahrzeuge transportieren Menschen und Güter, da Algorithmen alle Routen optimieren. Und eine Off-Peak-Nutzung ermöglicht andere kostengünstige Lieferoptionen. Mit anderen Worten, Pakete werden zunehmend nachts geliefert. Fügen Sie diesem Mix autonome Drohnen hinzu und es gibt kaum einen Grund zu der Annahme, dass traditionelle Paketdienste überleben.

25. Straßen werden künftig leerer und kleiner, denn selbstfahrende Autos benötigen viel weniger Platz. Somit wird der Verkehrsfluss besser reguliert und das algorithmische Timing wird die Auslastung optimieren. Hochgeschwindigkeits-U-Bahnen und U-Bahn-Tunnel (möglicherweise mit Hyperloop-Technologie) werden zum Hochgeschwindigkeitsnetz für Langstrecken.

26. Kurzstreckenflüge im Inland können durch Fahrten in autonomen Fahrzeugen verdrängt werden.

27. Durch das reduzierte Verkehrsaufkommen werden sich Straßen langsamer abnutzen. Neue Straßenmaterialien werden entwickelt, die länger halten und umweltfreundlicher sind. Diese Materialien könnten sogar Energie erzeugen.

28. Die neuen Fahrzeugdienste bieten uns mehr Komfort. Die selbstfahrenden Fahrzeuge sind mit Wi-Fi, Bluetooth oder VR ausgestattet, bieten Massagen oder Betten. Meetings im Auto – real oder virtuell, alles ist möglich.

29. Wer hat das größte, schnellste oder teuerste Auto? Die Zeit der Prahlerei ist vorbei. Künftig wird die Geschwindigkeit zwischen den Endpunkten gemessen, nicht nach Beschleunigung oder Höchstgeschwindigkeit.

30. Städte werden lebenswerter werden, die “begehbare Stadt” könnte realisiert werden. Wenn sich die Kosten und der Zeitrahmen des Transits ändern, wird sich auch die Dynamik dessen, wer wo lebt und arbeitet, ändern.

31. Keiner muss zu spät kommen und die Ausrede „Stau“ gilt nicht mehr. Wir werden genau wissen, wann jemand ankommt und wann jemand gehen muss, um zu einer bestimmten Zeit an einem Ort zu sein.

32. Restaurants und Bars werden mehr Alkohol verkaufen. Die Menschen werden mehr konsumieren, da sie nicht länger überlegen müssen, wie sie nach Hause kommen. Und selbst im Auto kann man Bier, Wein oder Champagner genießen.

33. Wir werden weniger Privatsphäre haben, da Innenkameras und Nutzungsprotokolle verfolgen, wann und wohin wir fahren.  Außenkameras werden wahrscheinlich auch Umgebungen aufnehmen, einschließlich Personen. Dies kann sich positiv auf die Kriminalität auswirken, wird jedoch viele komplexe Datenschutzprobleme aufwerfen.

34. Viele Anwälte verlieren Einnahmequellen. Verkehrsverstöße und Rechtsstreitigkeiten werden drastisch reduziert. Es wird den Lobbyisten wahrscheinlich gelingen, die Regeln der Rechtsstreitigkeiten zu ändern, um die größeren Unternehmen zu begünstigen und die mit dem Transport verbundenen legalen Einnahmen weiter zu reduzieren.  Einige Länder werden vermutlich Teilebereiche ihrer selbstfahrenden Verkehrsnetze verstaatlichen, was zu niedrigeren Kosten, weniger Störungen, aber auch weniger Innovation führt.

35. Städte und Gemeinden werden auf Einnahmen aus dem Verkehrswesen verzichten müssen. Vielleicht werden neue Steuern zum Beispiel auf Fahrzeugkilometer erhoben? Keine Frage: Wir müssen uns über neue Steuermodelle Gedanken machen.

36. Flughäfen erlauben, dass Fahrzeuge direkt in die Terminals fahren, da erhöhte Kontrollen und Sicherheit möglich werden. Der gesamte Luftverkehr kann sich ändern, wenn der integrierte, multimodale Verkehr komplexer wird. Hyper-Loops, High-Speed-Rail, automatisierte Flugzeuge und andere Formen des schnellen Reisens werden die traditionellen Flugreisen verdrängen.

37. Innovative Appähnliche Marktplätze werden in selbstfahrenden Fahrzeugen eine Rolle spielen. Hier kann sich jeder mit Essen, Sportartikeln, E-Books oder Musik versorgen. Integrierte VR-Systeme gehören zum Standard für Reisen.

38. Es werden viele Dienstleistungen in den Verkehr integriert. Das Abendessen umfasst die Fahrt, das Hotel schließt den Nahverkehr usw. ein. Dies kann sich sogar auf Wohnungen, Kurzzeit-Vermietungen und andere Dienstleister ausweiten.

39. Nahverkehr wird allgegenwärtig und preiswert.  Drohnen werden wahrscheinlich in das Fahrzeug integriert. Dass wird den Niedergang der traditionellen Einzelhandelsgeschäfte und deren lokale wirtschaftliche Auswirkungen beschleunigen.

40. Wir werden mehr mit dem Rad fahren oder zu Fuß unterwegs sein, da die Straßen sicherer und weniger überlastet sind.

41. Mit dem Autorennsport verbinden viele nostalgische Gefühle und so werden virtuelle Rennen populärer, weil die reale Erfahrung des Fahrens fehlt.

42. Es gibt keine Unfälle mehr, wie wir sie kennen, keine Verletzte oder Tote.

43. Das Hacking von Fahrzeugen wird ein ernstes Problem werden. Neue Software, neue Kommunikationsunternehmen und Technologien werden entstehen, um diese Probleme langfristig zu lösen. Es wird wahrscheinlich eine Debatte darüber geben, wie man den Transport kontrollieren kann.

44. Viele Straßen und Brücken werden privatisiert, da eine kleine Anzahl von Unternehmen die meisten Transporte kontrolliert und Verträge mit Gemeinden abschließen. Vermutlich wird es einen erheblichen legislativen Vorstoß geben, um das Verkehrsnetz immer weiter zu privatisieren. Die Regulierungsbehörden werden es schwer haben, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten. Das meiste wird für die Endnutzer transparent sein, wird aber wahrscheinlich enorme Markteintrittsbarrieren für Start-ups von Transportunternehmen schaffen.

45. Die Mobilität von Senioren und Menschen mit Behinderungen wird sich im Laufe der Zeit erheblich verbessern.

46. Eltern müssen künftig nicht mehr ihre Kinder von A nach B fahren. Es werden Transportdienste für Kinder entstehen.

47. Es wird keine Fluchtfahrzeuge oder Verfolgungsjagden mehr geben.

48. Die selbstfahrenden Fahrzeuge werden wahrscheinlich bis zum Rand mit Werbung aller Art gefüllt sein. Dazu gehört auch die personalisierte Werbung für unterwegs, die eventuell für Ihren Einkauf wichtig ist.

49. Die Zahlungsmöglichkeiten für die Mobilität werden stark erweitert mit Prepaid-Modellen, Pay-As-You-Go-Modellen, eben einer digitalen Währung, die automatisch abgebucht wird.

50. In die selbstfahrenden Fahrzeuge werden Sensoren aller Art eingebaut. Es wird eine verbesserte Wettervorhersage geben, die Sensoren werden zur Verhütung von Verbrechen eingesetzt oder für die Infrastruktur. Die Daten werden für zusätzliche Einnahmen sorgen.

Der Text stammt ursprünglich von Geoff Nesnow, wurde übersetzt, gekürzt und ergänzt.