Alphatiere ade! Wie die „Wir-Kultur“ die Arbeits- und Lebenswelt radikal verändert

von Elita Wiegand

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Foto: Mulyadi, Unsplash

Viele Jahrzehnte galten die Individualität als treibender Faktor einer Gesellschaftsordnung, in der Konkurrenzdenken und Egoismus regierten. Es war die Zeit der Alphatiere in den Chefetagen der großen Konzerne, die sich auf ein Siegerpodest hievten, die beklatscht, umjubelt und vergöttert wurden. Alpha-Typen, die beherrschten und kontrollierten, Narzissten, die zur Selbstüberschätzung neigten und oft auch gewissenlos handelten. Sie ertrugen keine Götter neben sich und lockten in ihren Unternehmen Ja-Sager*innen an – und hemmten damit Innovationen. Doch schon länger ertönt überall ein „Wir“ und das schiebt die einstigen Superhelden auf das Abstellgleis, ihr hoher Testosteronwert ist wertlos.

Der Druck hoher Komplexität

„In einer vernetzten Welt stehen viele Unternehmen unter dem Druck hohe Komplexität zu verarbeiten und agil sein zu müssen. Deshalb brauchen wir mehr denn je Kollaboration, offene Foren, Dialogformate, um gemeinsam für die Komplexität im Außen adäquate Antworten zu finden“, betont Kirsten Brühl, Autorin der Studie „Die neue Wir-Kultur.“ Die starren Strukturen in Unternehmen weichen auf. Altbewährte hierarchische Kommandostrukturen stehen zunehmend einer Crowd gegenüber, die eigenständig Innovationen produziert und fest definierte Grenzen und Zuständigkeiten aushebelt. Austausch, Transparenz und Offenheit sind die Wir-orientierten Ansätze. Es geht darum, im Inneren mehr Variabilität, mehr Reaktionsvielfalt zu erzeugen für die Herausforderungen außen. Einige Unternehmen wurden kräftig durcheinandergewirbelt, andere haben mit dem Change-Prozess noch nicht begonnen.

Autonomie, Freiheit und Gestaltungsmacht 

Doch der Markt erfordert innerhalb von Unternehmen als auch von Zulieferern, Kunden und auch Wettbewerbern noch mehr Formen von Kollaboration. Das eröffnet einige neue Entwicklungs- und Lernfelder in Bezug auf Kommunikation, auf Konfliktlösung und Entscheidungsfindung, weil wir lernen müssen, anders zu denken und zu wirtschaften, vernetzt eben. Viele junge Menschen setzen auf mehr Autonomie, Freiheit und Gestaltungsmacht und sie suchen nach einer sinnvollen Arbeit. Sie verzichten auf Sicherheit und Status und sind offen für eine Wir-betonte Firmenkultur.

Die Gewinner sind Unternehmen, die die innere Stärke besitzen möglichst flexibel zu sein und sich auf Kollaboration und Kooperation einzulassen. Es sind die Menschen, die eine hohe Kommunikationsfähigkeit haben und die Fähigkeit sich immer wieder in neuen Kontexten schnell zurechtzufinden und zu orientieren. Es werden diejenigen zu den Verlierern zählen, die starre Strukturen und ein hohes Maß an Sicherheit brauchen, um gut arbeiten zu können. Die Sicherheit jedoch, die verlangt und gebraucht wird, lässt sich nicht mehr herstellen. Das sehen wir derzeit schon in vielen Unternehmen, in denen die Wellen der Angst und Verunsicherung hochschwappen.

Die Welt neu und besser organisieren  

In der Gesellschaft zeigt sich das „Wir“ in Kollaboration, Communities, Kooperationen, Gemeinschaften und der Sharing Economy. Am besten sollen künftig alle mitmachen, mitgenommen werden, dabei sein und gefragt werden. Mehr Kollaboration ist an vielen Stellen der Versuch, sich in einer komplexen Welt neu und anders zu organisieren. Mit mehr Innovation, mehr Effizienz, mehr Sinn – und manchmal auch mit mehr „Kuschel-Faktor“. So erzeugt unsere Gegenwart immer mehr Gemeinschaften, die sich offline und online vernetzen und sich auf unterschiedlichsten Kanälen miteinander austauschen – in der Wirtschaft und im Privaten gewinnen kollektive und solidarische Strukturen immer mehr an Bedeutung. Wird der langgehegte Kult des Individualismus abgelöst durch einen neuen Kollektivismus? Woher kommt der fundamentale Wandel? Und wie kann das „Wir“ zum treibenden Faktor einer künftigen Gesellschaft werden?

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Foto: My Life Through A Lens – Unsplash

Sehnsuchtsraum des Wir? 

Wir suchen nach einem Raum, der für eine Hoffnung steht auf eine neue und andere Welt, aufgeladen mit dem Wunsch, Lösungen zu finden. Denn unser Leben ist komplexer und durch die Pandemie anstrengender oder gar bedrohlich geworden. Deshalb müssen wir uns anders organisieren, zusammenhalten, uns gegenseitig unterstützen. Dazu gehört der Austausch, etwas gemeinsam zu initiieren und auch der Wunsch, die Welt ein bisschen zu besser machen.

Die Digitalisierung schafft neue Räume: Ohne viel Aufwand können sich Menschen virtuell treffen und sich vernetzen.

In der realen Welt ist das „Wir“ schon länger angekommen und es gibt viele Initiativen wie zum Beispiel Repaircafés, Nachbarschaftshilfen, Gemeinschaftsgärten, Tauschbörsen oder es werden neue Formen des Wohnens in Ökodörfern geschaffen. Das Teilen ist auch entscheidend für beispielsweise Umsonstläden oder öffentliche Bücherschränke.

Doch auch in Zukunft wird das „Wir“ nicht das „Ich“ ersetzen. Ich und Wir sind keine Gegensätze – das eine braucht das andere, um sich auszubilden, wie die Soziologie schon lange weiß.

Sharing Economy – die Lösung?

Das neue „Wir-Gefühl“ drückt sich vor allem in der Sharing Economy aus, ist aber von verschiedenen Motiven getrieben. Es gibt dort viele Modelle, die von dem Gedanken getragen sind, dass wir unsere Ressourcen gemeinsam besser nutzen, dass leihen, schenken und tauschen einfach Sinn macht. Doch sobald dort Gegenleistungen oder Gebühren ins Spiel kommen, kann man das Sharen auch kritisieren. Das Argument ist, dass man alles ökonomisiert – und in Zukunft selbst Dinge, die früher einfach ausgetauscht wurden, nun über eine Share-Plattform wie zum Beispiel Airbnb oder Uber anbietet und ihnen dadurch einen wirtschaftlichen Wert gibt. Doch stehen wir in der Realität mit der Sharing Economy noch ganz am Anfang – da gibt es also noch viel zu lernen. Zum Beispiel müssen viele von uns erst noch eigene Erfahrungen sammeln, wie es ist, wenn wir nicht mehr die Kontrolle über Eigentum haben, sondern uns darauf einlassen, Teil eines Netzes zu werden.

Gerade durch die Pandemie ist vielen der Wunsch entstanden, etwas zu verändern. Doch das schafft keiner allein. Wer etwas bewegen möchte, braucht eine Gruppe, Gleichgesinnte oder ein Netzwerk wie die ZukunftsMacher*innen.

Fotos: Unsplash 

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